Flucht aus der Sprache – Flucht in die Sprache

„Geh Grosheign!“ – „Trickat s’Gschirr ob“ – „Keahr zaum!“ – so lauteten die Befehle meiner Kindheit, die keine Antwort verlangten als die, das Gebotene zu tun. Dazwischen die Vaterunser vor und nach dem Essen. Viel mehr Sprache war auf dem Bauernhof nicht nötig, zurückreden war nicht geboten. Früh habe ich deshalb die Kunst des Flüchtens gelernt: erst in Verstecke, in denen ich mich stundenlang vor den Befehlen drückte, dann in Bücher.
Beim Reden über Bücher wurde mir klar dass der Dialekt für vieles keinen Begriff hat und man ins Hochdeutsche flüchten muss. Kein Wort für Liebe, Freiheit, überhaupt keine abstrakten Begriffe. Bald wurde ich zweisprachig. Mit meiner neuen Sprache wuchs auch meine neue Welt. Ich überredete meinen Vater dazu, mich am Gymnasium anzumelden. Nach der Schule flüchtete ich ins Kaffeehaus und las bis der letzte Bus nach Hause fuhr.
Nach dieser ersten Flucht kamen viele weitere. Sprachen und Welten. Ein Wiener Deutsch, eines für Berlin, dann ein Englisch für London, eins für New York. In New York wollte ich bleiben, dort habe ich promoviert, geheiratet, Kinder bekommen, bin amerikanische Staatsbürgerin geworden. Aber ich bin auch Sprachphilosophin geworden und gerade New York ist der schwierigste Ort um eine Philosophie Professur zu bekommen.
Vor drei Monaten bin ich wieder nach Österreich gezogen, habe eine Stelle an der Uni in Linz angenommen. Es kommt mir zuweilen vor wie eine Flucht nach rückwärts, in die alte Welt, in meine Muttersprache, meinen Dialekt. Aber jetzt ist er mir nicht mehr zu eng. Jetzt sage ich meinen Studierenden, sie sollen erst mal ihr Vokabular verlernen, um ein neues zu lernen, ihre Begriffe wegwerfen, um sich neue anzueignen. Ich fordere sie auf, aus ihrer Sprache zu flüchten, gerade damit sie in sie zurückkommen können.